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Offener Brief an Sebastian Pella, Riedstadt in Hessen

Sehr geehrter Herr Pella,

ein Aspekt der gegen Sie entfesselten Hetze scheint mir bisher noch gar nicht angesprochen. Dieselbe heulende Meute, die Sie gerade ungeachtet aller Verdienste aus Ihren Ämtern gejagt hat, sind genau die, die sich allseits für das Recht einsetzen, öffentlich anonym und unter einem frei erfundenen Pseudonym schreiben zu können. Das Veröffentlichen von Texten ist als solches technisch nicht zu verhindern und war es schon zur Zeit der Flugblätter und kleinen, tragbaren Druckmaschinen im siebzehnten Jahrhundert nicht mehr, also drängt man den Bürger bewußt und aktiv in die Anonymität und behindert ihn darin, mit seinem Namen offen für die Meinung einzustehen. Hätten Sie nicht unter Ihrem Namen sondern als “Rumpelstilzchen” publiziert, niemand hätte sich daran gestört und kein ehrlicher Mensch hätte die Texte ernstgenommen.

Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist ein allgemeines Menschenrecht. Es steht als solches ausschließlich Menschen, also Personen mit einer Identität und einem Namen zu. Ein Recht auf anonyme Beschuldigungen gab und gibt es allein in totalitären Diktaturen. Bis vor kurzer Zeit galt noch generell die allgemeine Anstandsregel, mit anonymen Briefen ausschließlich das eine zu tun, sie ungelesen zu vernichten. Heute werden für anonyme Denunziation mittels gestohlener Daten die Steuergelder ehrlicher Bürger vergeudet.

Warum aber wird das Unwesen der anonymen Hetze gefördert? Nun, jemand, der so handelt, wird über kurz oder lang von seinem eigenen Handeln in einen feigen Duckmäuser verwandelt werden, der von einem totalitären System in jede gewünschte Richtung gedrängt werden kann. Von aufrechten Bürgern aber, die bereit sind, für ihre Meinung einzustehen, geht für alle Unterdrückungs- und Unrechtssysteme eine echte Gefahr aus.

In der DDR sind jahrzehntelang große Mengen kritischer Schriften weitest gestreut im Untergrund kursiert und die Autoren und Verteiler waren im umfassenden Überwachungsdickicht keineswegs unbekannt. Das alles hat das System weder gestört noch seine Stabilität im geringsten beeinträchtigt. Auch die, die zwar offen auftraten, sich aber der Vorgabe unterwarfen, dies ausschließlich innerhalb von Kirchenräumen zu tun, blieben harm- und wirkungslos. Exemplarisch vorgehen mußte man nur gegen die wenigen Aufrechten wie Biermann und Havemann. Erst dann, als zu den Montagsdemonstrationen eine große Zahl bereit war, sich vor der allgegenwärtigen Stasi offen zu zeigen, und sich nicht mehr feige und unterwürfig versteckte, geriet es ins Wanken, dann aber sehr schnell und durchschlagend.

Menschen wie Sie, nicht anonyme Großmäuler, sind die einzige Hoffnung, die ich im heutigen, gleichgeschalteten Duckmäusertum noch sehe. Mit Freude las ich, wie Ihr Ortsverband, die Menschen in der CDU, die Sie am besten kennen, zu Ihnen steht. Ich wünsche Ihnen, daß es so bleiben möge, die Erfahrungen mit Gleichschaltung und Meinungsdruck lassen mich anderes befürchen. Seien Sie dann nachsichtig mit schwachen Charakteren.

Hochachtungsvoll
Ihr Axel Berger

Siehe dazu Stadtverordneter tritt wegen rechtsextremer Vorwürfe zurück und Extremismusvorwürfe: CDU-Ortsverband stellt sich hinter Pella.

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