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Offener Brief an die Leitung der Gesamtschule in Kirchberg

Dieser Brief als PDF.
Den Hintergrund finden Sie in diesen Pressemeldungen

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit PISA gehört das sinnentnehmende Lesen zu den besonderen Aufgaben der Schule – eine Anforderung, die für Sie allein deshalb eine besondere Härte darstellen muß, weil ganz offenbar die Lehrerschaft selbst überfordert damit ist. Ohne Zweifel ist das von den Schülern ausgewählte Lied musikalisch häßlich und textlich anspruchslos und formschwach – Ihre Vermittlung kultureller Werte und Urteilsfähigkeit war augenscheinlich erfolgsarm.[1]

An seinem Inhalt, den ich gerade mehrfach sehr kritisch durchgelesen habe, finde ich jedoch nichts auszusetzen. Im Gegenteil, dem Wunsch, auch im Erwachsenenleben an den Werten der Freundschaft, Gedankenfreiheit und Offenheit festzuhalten, kann ich mich vorbehaltslos anschließen. Ganz offensichtlich mit Inhalten überfordert müssen Sie aber Ihr Urteil allein auf den Autor[2] stützen. Vermutlich hätten Sie deshalb keinerlei Problem damit, im Abschlußgottesdienst den folgenden Text verlesen zu lassen,

“Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist’s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen. Wenn ich könnte, wo würde ich ihn [den Juden] niederstrecken und in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren. Jawohl, sie halten uns [Christen] in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen sie dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein [...] sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.”

stammt er doch vom allseits unverdächtigen und hochgeschätzten Martin Luther.

Mit einiger Kenntnis der jüngeren Geschichte müßte Ihnen eigentlich klar sein, in welche Tradition Sie sich damit stellen. Es ist eben die, die über die Wahrheit wissenschaftlicher Hypothesen nicht das Experiment sondern die Herkunft des Autors entscheiden lassen wollte und die der “jüdischen Physik” eine “deutsche Physik” gegenüberstellte. Gerade dies stellt den Wert guten Geschichtsunterrichtes dar, wenn es einen solchen an Ihrer Schule denn gäbe, solche wiederkehrenden Muster frühzeitig erkennen und einer Wiederholung der weiteren Folgen entgegenwirken zu können. Sie dagegen scheinen zur Wiederholung der Geschichte verdammt. Auch dies paßt ins Muster. Schon beim letzten Mal, als diese Ideologie in Deutschland die geistige Vormacht errang, waren es, vor allem in der Anfangszeit, die Schulen und die Lehrerkollegien, die sie in vorderster Reihe vorantrieben.

Vielen Dank
Mit freundlichen Grüßen
Ihr

Axel Berger

Nachtrag am 2012-07-30

Auf ihrer Website veröffentlichte die Schule am 201-07-27 diese Stellungnahme.. Sie läßt sich sinngemäß zusammenfassen als:

„Wir indoktrinieren, reglementieren und unifomieren unsere Schüler schon jetzt nach dem Vorbild der stalinistischen Regime Ulbrichts und Nordkoreas und trotzdem zeigen Dissidenten unter ihnen, wie in der DDR, Widerstand durch Lieder. In Absprache mit der Aufsichtsbehörde werden wir umgehend in einer ganztägigen Runde ‚Kritik und Selbstkritik‘ die Parteilinie durchsetzen.“

„Gemeinsames, einheitliches Ziel ist die Säuberung [unserer Schule] von allem Ungeziefer.“ — (Lenin)

„Look at these young men and boys! What material! With them, I can make a new world.“ — (Hitler)


1
Für den Musikunterricht muß der Zuhörer bedauernd dasselbe konstatieren.
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2
Die Musikgruppe Sleipnir ist mir bis auf den einen gezielt herausgesuchten Musiktext vollkommen unbekannt. Zu deren Gesinnung und weiteren Texten kann ich mir daher keinerlei Urteil erlauben.
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